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In den Vorträgen vom 4. und 11. Juni, die Rudolf Steiner im
Jahre 1908 - vor hundert Jahren -in Berlin gehalten hat, charakterisiert er die bevorstehende Kulturentwicklung mit den folgenden Worten: „Wenn die Welt wiederum spirituelles Leben erzeugen wird, dann wird alles
möglich sein. Dann, werden wir es erleben, dass von allem was uns anschaut, die menschliche Seele uns entgegenleuchtet, so wie in einer mittelalterlichen Stadt in jedem Türschloß, in jedem Schlüssel der Geist sich
aussprach." - 4. Juni und am 11. Juni -: „ Ebenso wird, wenn wahres geistiges Leben wieder in der Menschheit sein wird, das ganze Leben, alles, was uns äußerlich entgegentritt, uns wieder als ein Abbild der
Seele erscheinen"... „Profanbauten sind nur solange Profanbauten, solange der Mensch nicht die Fähigkeit hat, in sie den Geist hineinzuprägen"... „Wenn der Mensch lernen wird, wie sich im Äußeren das
Innere ausdrückt, dann wird es wiederum eine Kultur geben."
Das Innere so zu erfassen, dass es durch künstlerische Mittel
sich im Baukörper auszuprägen vermag ist eine natürliche Aufgabe der geisteswissenschaftlichen Erkenntnis und des geisteswissenschaftlichen Strebens.
Die beiden Goetheanumbauten sind Beispiele für das
Zusammenwirken von Inhalt und Form. Insbesondere das Erste Goetheanum bietet uns anhand der erhaltenen Dokumente eine Fülle von Schulungsmöglichkeiten für die Methode des Organischen Bauens.
Anders das Zweite Goetheanum, mit ihm stehen wir vor einem
Werk, das Vermächtnischarakter hat und das zugleich ein Rätsel und eine Herausforderung ist.
Die weitgehend authentisch gegebene Außenform muss im Sinne
des Organischen Baugedankens so betrachtet werden, dass sie der konkrete Ausdruck eines inneren Lebens ist. Dieses innere Leben beruht auf dem Bewusstsein und den Handlungen von Menschen, die nach der Neubegründung
der Anthroposophischen Gesellschaft durch Rudolf Steiner, die Aufgabe einer Kulturerneuerung für die Gegenwart und Zukunft übernommen haben. Das richtige Empfinden der Sprache der Außenform kann uns ein Bild von der
in der Gegenwart geforderten Haltung und Gesinnung geben. Ohne diese Gesinnung bleibt der Goetheanumbau eine unerfüllte Leerform, ohne reale Wirksamkeit! An dem Verständnis dieses Zusammenhangs zu arbeiten, wird
Aufgabe der Studienwoche sein.
Welche Kräfte übertragen sich von der Baugestalt des Zweiten
Goetheanums auf den Menschen und wie wird die Gestaltung des Zweiten Goetheanums aus diesen Kräften weiterzuführen sein? Stehen wir mit der Gestaltung des Zusammenhanges von Saal und Bühne vor einem Abschluss, oder
befinden wir uns noch am Anfang eines notwendigen Gestaltungsprozesses? Wie steht es mit der Anwendung des Durchdringungsgedankens auf Saal und Bühne des Zweiten Goetheanums in der Kontinuität vom ersten zum zweiten
Bau? Ist es berechtigt in der Gegenwart etwas von diesem Bau zu erwarten, was in der Zeit seines Entstehens nicht zu verwirklichen war? Kann der Holzplastik des Menschheitsrepräsentanten ein angemessener und von der
Zeit geforderter Standort im architektonischen Gefüge des Zweiten Goetheanums gegeben werden? Diesen Fragen wollen wir uns übend nahem.
Grundlage unserer Arbeit wird die künstlerisch praktische
Arbeit im Plastizieren und malenden Zeichnen sein. Ihr wird das Hauptgewicht zufallen neben der ausgiebigen Gelegenheit zum Gedankenaustausch und der gemeinsamen Begegnung im Gespräch.
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