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Organisches Bauen
Historie
14. Studienwoche

Der Organische Schulbau
14. Studienwoche zum Bauimpuls Rudolf Steiners
vom 6.-11.April 2010 Mannheim


Eine Gruppe von Architekten, Ingenieuren, Erziehern und Bildenden Künstlern war zur 14. Studienwoche zum Bauimpuls Rudolf Steiners in die Freie Hochschule nach Mannheim gekommen, um sich für sechs Tage dem Thema des organischen Schulbaus zuzuwenden.

 


Den Ausgangspunkt der Arbeit bildeten Gedanken, die Rudolf Steiner am 4. und 11. Juni 1908 in Berlin zur Erneuerung der Architektur formulierte .  Dort heißt es sinngemäß: ein neuer Baustil wird dazu führen. dass von den Profanbauten eine gleiche geistige Wirkung ausgehen wird, wie von den Tempeln und Sakralbauten der Vergangenheit. Diese Wirkung wird erreicht, wenn es gelingt „nur richtig zu verstehen“ und dem Ausdruck zu geben, was im Inneren einer Einrichtung lebt.
Diese Anregung Rudolf Steiners weckte zunächst das Interesse an einer Planungsmethode, die zur Entwickelung eines organischen Baukörpers geeignet ist. Nicht die Frage nach der funktionalen Struktur und materiellen Notwendigkeit in Zahlen und Raumverhältnissen, sondern die Frage nach dem inneren Leben eines Schulorganismus sollte für uns am Anfang stehen. Eine Eingrenzung unserer Thematik erreichten wir, in dem wir uns auf den Schultyp Waldorfschule beschränkten. Dabei wurde der Blick mehr auf ein Idealbild gerichtet als auf den Ist-Zustand, der heute in vielen Fällen von dem Vorbild abweichen kann. Die Aufgabe der Organischen Architektur wird es sein, echte Qualität zu fördern und eine positive Entwickelung zu ermöglichen.
 


Betrachten wir nun im Sinne einer dem Organischen Ganzen angepassten Methode einen kleineren Ausschnitt im Leben einer Waldorfschule.
An jedem Morgen sehen wir die Schüler mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Begabungen aus den verschiedenen Elternhäusern und Regionen heran strömen, um sich in den Klassenräumen zu versammeln. Im Lehrerzimmer sind die Unterrichtenden zu diesem Zeitpunkt bereits eingetroffen. In vielen Schulen findet vor dem Unterricht eine gemeinsame Besinnung der Lehrerschaft auf einen Sinn- oder Wochenspruch statt. Es werden außerdem einige aktuelle, organisatorische und technische Angelegenheiten besprochen. Dann begeben sich die Lehrer in die verschiedenen Räume zu ihren Schülern. In den unteren Klassen ist es wichtig, rechtzeitig da zu sein, um jedem einzelnen Schüler in Ruhe zur Begrüßung die Hand zu geben. Dann beginnt der Unterricht mit dem Morgenspruch und den Zeugnissprüchen. Es folgen allgemeine Mitteilungen und Fragen von gemeinschaftlichem Interesse. Anschließend findet an jedem Tag der rhythmische Teil mit musikalischen, sprachlichen und Bewegungsübungen statt. Erst jetzt beginnt der eigentliche Lehr- oder Lernteil. Um ihn richtig zu verstehen, müssen wir auf die Gesinnung der Lehrer in der Waldorfschule und den Charakter der Unterrichtsmethode achten. Der Lehrer tritt in dieser Schule nicht als der Wissende auf, sondern als Suchender, der sich bemüht seinen Stoff so zu behandeln, dass er der jeweiligen Altersstufe gerecht wird, so dass dadurch ein lebendiger und harmonischer Unterricht, ohne Pedanterie und Routine entsteht. Es findet keine Bewertung der Schüler nach Leistung statt. Entscheidend ist, dass die Kinder und Jugendlichen eines Jahrgangs als bleibende Klassengemeinschaft die Schulzeit durchlaufen und eine der jeweiligen Begabung entsprechende vielseitige Förderung erfahren. Es kann deshalb kein Zurückversetzen in eine andere Klasse geben. Und die Entwicklung muss auf allen Gebieten auch im praktisch-handwerklichen und im künstlerischen Bereich gefördert werden. Die Waldorfschule ist eine Schule ohne Leistungsdruck, jedoch mit einer besonderen Zuwendung zur Individualität, in der der ganze Mensch im Denken, Fühlen und Wollen seine Entwicklung erfährt.
Alle diese Tatsachen und Eigenschaften sollen in den künstlerischen Gestaltungswillen des Architekten einfließen.



In dem wir uns die wesentlichen Merkmale, Vorgänge und das konkrete Geschehen in der Schule deutlich machen, ergeben sich auch Gesichtspunkte für die Gestaltung und Anordnung der Räume. Es entsteht wie selbstverständlich ein Gefühl für die Lage der Unterrichtsräume der verschiedenen Altersstufen, für den richtigen Ort  des Lehrerzimmers mit dem Konferenzraum und für die Wege von einem zum anderen. Das Eintauchen in die Gesinnung und den Charakter der Pädagogik wird sich befruchtend auf die Formgebung der Gesamtgebärde des Baukörpers und die Entwicklung einer Formensprache in allen Teilen auswirken.


Sehr wesentlich für die Planung des organischen Baukörpers ist die Frage nach dem Zentrum der Einrichtung. So ist es auch für die Schule. Wo liegt ihr Zentrum? Was ist ihre Herzregion und wie ist die Anordnung der verschiedenen Räume nach Nähe oder Ferne zu ihr.
In der Unterstufe lebt eine nahe und unmittelbare, fast familiäre Beziehung zwischen den Schülern und Lehrern. Das intime Verhältnis sollte getragen sein von einem liebevollen und seelenerwärmenden Wesen. Es ist verständlich, dass die Räume der unteren Klassen in der Nähe des Lehrerbereiches, leicht zugänglich, im Erdgeschoss des Gebäudes mit bestimmten Formbildungen, die den genannten Seeleneigenschaften entsprechen können, einzurichten sind. In entsprechender Weise sollte dem Entwicklungsgang von Jahr zu Jahr durch Formen und Farben auch in allen folgenden Klassen Rechnung getragen werden.
Die vierte Klasse bildet einen gewissen Einschnitt in der natürlichen Entwicklung. Sie bereitet die drei folgenden Klassen der Mittelstufe vor. Das seelische Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern ändert sich zu einem bewussteren Sich-Begegnen und einem neu erwachten gegenseitigen Wahrnehmen. Die Räume sollten nun gut erreichbar, aber nicht mehr in der unmittelbaren Nähe des Lehrerbereiches liegen.
Das Hinaufsteigen ins Obergeschoss entspricht dem Entwicklungsgang. Bewegungsfreiheit und harmonische, gut beleuchtete Verhältnisse in den Klassenräumen wären wünschenswert. Wiederum sollten die Formen und Farben den Entwicklungsschritten angepasst werden. Aus dem intimen Zusammenleben wird in der Mittelstufe ein lichtvoll offener Begegnungsraum.
Ein folgender maßgeblicher Einschnitt ergibt sich durch den Beginn der Oberstufe, der auf die Klassenlehrerzeit folgt. Die Entwicklung führt die Schüler nun in eine Beziehung zu den Epochenlehrern, die im besten Sinne als ein partnerschaftliches Verhältnis zwischen den Pädagogen und den „jungen Damen und Herren“ – die als solche genommen werden müssen – bezeichnet werden kann. Für die neunte Klasse besteht zum Beispiel die Möglichkeit, sie so wie die vierte Klasse räumlich noch auf der Ebene der Mittelstufe zu belassen, in erreichbarer Nähe zu dem Lehrerzimmer, im Zentrum an einem für sie besonders ausgewählten Ort. Für die drei oberen Klassen bieten sich individuell gestaltete Räume im ausgebauten Dachgeschoss an.
Auch die Zeitgestalt im Schulalltag ist für die Architektur von Bedeutung. Im zeitlichen Verlauf eines Schultages folgen auf den Hauptunterricht die Fachunterrichte, die sich in die handwerklichen, künstlerischen, sprachlichen und sportlichen Tätigkeiten gliedern. Während der geteilte Sprachunterricht in den Klassenräumen und einigen den Klassen zugeordneten Mehrzweckräumen gegeben werden kann, benötigen die Künste und Handwerksfächer eigene, der jeweiligen Tätigkeit und Erlebnisart angepasste Räume. Ihre Lage sollte dem Charakter der Tätigkeiten entsprechen. So wäre für das Arbeiten mit Holz, Ton und Metall ein ebenerdiger, dem Gebäude angegliederter Bereich geeignet. Auch im Souterrain z. B. im rückseitigen Bereich des Gebäudes wäre dafür Gelegenheit. Seinem Wesen nach könnte der Eurythmieraum im Erdgeschoss in der Nähe des Saals seinen Platz finden. Für das Malatelier und die Musik sind Räume im Dachgeschoss oder im Obergeschoss geeignet.
Alle hier geäußerten Vorstellungen und Empfehlungen bewegen sich im flexiblen Bereich eines sich konstituierenden Baugedankens.

 


Nach dem möglichst viele qualitative, zeitliche und strukturelle Aspekte einer Schule ins Bewusstsein gehoben sind – was im Hinblick auf das Ganze des Organismus hier nur auszugsweise geschehen konnte – werden nun verstärkt die quantitativen Gesichtspunkte wie Schülerzahlen, Raumgrößen, Baumaterialien, die Grundstücksituation und die finanziellen Maßgaben in die Betrachtung einbezogen. Erst jetzt entsteht ein Bild der Notwendigkeiten und Möglichkeiten des konkreten Bauvorhabens.
Die Erarbeitung des Raumprogramms bietet erneut die Gelegenheit, die Ganzheit des Schulbaus ins Bewusstsein zu nehmen. Wesentlich ist, dass sich mit jedem Raum ein qualitatives Erlebnis und eine Vorstellung von den in ihm wirkenden Handlungen verbinden. Es kann sehr hilfreich sein, den verschiedenen Räumen in der Planung verschiedene Farbtöne zuzuordnen. Sehr bald wird deutlich, dass das Verhältnis von der Lage des Lehrerzimmers zu den Klassenzimmern der zwölf Jahrgänge eine zentrale Bedeutung hat. Eine besondere Rolle spielt der Saal, der sich einerseits mit dem inneren Leben der Schule zusammenschließt, der aber auch die Möglichkeit bietet, eine kulturelle Verbindung mit der weiteren Öffentlichkeit herzustellen.
Während des gesamten Planungsprozesses ist eine Vertiefung in das pädagogische Anliegen und die Gesinnung der beteiligten Menschen, der Lehrerschaft und der Eltern, erforderlich. Dabei sollte die künstlerische Behandlung des Unterrichtsstoffes für die jeweilige Altersstufe und die individuelle Verantwortlichkeit der Lehrer für die besonderen pädagogischen Aufgaben der Waldorfschule ins Bewusstsein genommen werden.
Solche Tatsachen können einen produktiven Einfluss auf die Gestaltung des Gesamtcharakters des Bauwerks haben.
Es gilt den materiellen Bedingungen und Einschränkungen geistig-moralische und pädagogisch-soziale Impulse gegenüber zu stellen. Gerade hieraus können die entscheidenden Impulse für den Willen zur künstlerischen Formgebung des Innen- und Außenbaus gewonnen werden.
Zusammenfassend ist zu sagen: Bereits die ersten Schritte einer Planung müssen berücksichtigen, dass es sich um einen organischen Baukörper als Ganzheit handelt, der zu entwickeln und zu gestalten ist. Die Grundstücksgröße, die Lage und das finanzielle Volumen stellen Voraussetzungen dar, die dem Projekt einen Rahmen geben, der einen Einfluss auf die Gesamtgestaltung nehmen wird. Sie dürfen aber nicht bereits am Anfang den Blick für die inneren Notwendigkeiten verstellen. Dieser sollte zunächst in einer gewissen ideellen Art im Bewusstsein entstehen. Alle technischen und funktionalen Fragen werden nach und nach in ein sinnvolles Verhältnis zu den Gesetzen des Organischen kommen.
Zwei zentrale Aufgaben stellen sich dem Architekten des neuen Baustils. Zunächst gilt es das „Innenleben“ der Einrichtungen auf verschiedenen Ebenen wahrzunehmen. Dabei handelt es sich um die materiellen, funktionalen, sozialen, seelischen und geistigen Bestandteile. Sie alle stehen durch die von Menschen bewirkten Beziehungen in einem Sinnzusammenhang, der mit einem Organismus vergleichbar ist.
Wir können mit voller Berechtigung von der physischen Beschaffenheit und von der „Seele“ und dem „Geist“ einer Einrichtung sprechen.
Die Aufgabe des Architekten wird es sein, sein Verständnis für das Wesen jedes Bauvorhabens zu vertiefen und es im Sinne der Gesetze des Organischen zu begreifen. Gleichzeitig gilt es, die künstlerischen Fähigkeiten zu schulen, um dem so Erfahrenen in architektonischen Formen und Baukörpern Ausdruck zu geben.

 In der Mannheimer Studienwoche wurde parallel zu der Arbeit am Baugedanken von jedem Teilnehmer über einem individuell entwickelten Grundriss, auf der Grundlage des Raumprogrammes einer einzügigen Waldorfschule, ein plastisches Modell im Maßstab 1:100 hergestellt. Es zeigte sich dabei die Wirkung der Anordnung der Klassenräume bis in die Gestaltung der Dachformen.
Aus der vergleichender Betrachtung konnten fruchtbare Gesichtspunkte für weitere Studien zum Wesen des Schulorganismus und zu den Prinzipien des Organischen Bauens gewonnen werden.
Die hier beschriebene Methode und Herangehensweise gegenüber einem organischen Bauprojekt wird nicht in gleicher Art an jedem anderen Ort anzuwenden sein. Sie  gibt aber ein Beispiel dafür, auf welch vielfältige Art die psychologischen, spirituellen und physisch- materiellen Tatsachen einer Einrichtung zu berücksichtigen sind. Es musste zunächst nicht das Gewicht auf die Vollständigkeit aller Aspekte gelegt werden, da alle Teile und Gesichtspunkte einem lebendigen Ganzen angehören. In jedem Organismus führt das Teil zu dem Ganzen und das Ganze wirkt bestimmend in allen Teilen. Wichtig ist es zu beobachten, wie jedes Teil sich dem Ganzen verbindet und wie das Ganze in den Teilen lebt.
Letztlich muss sich die Vielfalt der Aspekte und Gegebenheiten im Bewusstsein und Gefühl des Architekten vereinigen, um dort die Grundlage einer intuitiven Kraft zu werden, die für die Gestaltung der organischen Baukunst unerlässlich ist .  Sie ist gleich weit entfernt von jeder Willkür und jedem Zwang. Sie nährt sich aus der Hingabe an das im Lebendigen Wirkende und seelisch-geistig Notwendige einer Einrichtung.
Viele Wege können beschritten werden, um den organischen Bau vorzubereiten. Keiner dieser Wege wird jedoch ohne intensives Interesse und Einfühlungsvermögen gelingen.  Die Liebe zum Objekt und die größtmögliche Aufmerksamkeit für seine materiellen Bedingungen und seine seelisch-geistige Beschaffenheit kann allein zur Verwirklichung des organischen Baugedankens führen.

Ulrich Schöne

 

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