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Zur Organischen Architektur
Die Architektur des 20. Jahrhunderts hat eine große Vielfalt unterschiedlichster Richtungen hervorgebracht. Als eine Antwort auf die
vorherrschenden Entwicklungen des technischindustriellen Bauens, die im Gedanken der „Maschinenästhetik" gipfelten, sind zur gleichen Zeit die Bemühungen um „Organische Gestaltungsformen" aufgetreten.
Innerhalb des „Organischen Bauens" hat die auf der Ideengrundlage Rudolf Steiners entwickelte Richtung eine große Zahl neuer Möglichkeiten und notwendiger Aufgaben erschlossen.
Bisher konnten wir von der Baukunst erwarten, dass sie Bauwerke für verschiedene Einrichtungen, Funktionen und Absichten sinnvoll,
zweckmäßig, ästhetisch und oder auch originell autentisch zu gestalten vermochte. Sie diente den Bedürfnissen von Menschen und Institutionen, sollte repräsentieren und wurde symbolträchtig eingesetzt.
Die Organische Baukunst im Sinne Rudolf Steiners verfolgt dagegen ein neues, klar formuliertes Ziel: Sie betrachtet die Architektur
nicht als einen auf sich selbst beruhenden und durch sich selbst begründeten Faktor, der für verschiedene Zwecke nutzbar gemacht werden kann, - sondern sie möchte das Bauen ganz und mit noch nicht dagewesener
Konsequenz in den Dienst der in dem Bauwerk gelebten Vorgänge, Handlungen und Erfahrungen stellen.
Die Summe aller Vorgänge, Tätigkeiten und Ereignisse innerhalb einer Einrichtung, - z. B. innerhalb eines Verwaltungszentrums, eines
Krankenhauses, einer Bildungsstätte oder eines Wirtschaftsbetriebes etc. - kann als ein jeweils eigenständiger, unverwechselbarer Charakter empfunden und verstanden werden. Dem komplexen Inhalt oder Typus einer
Einrichtung, mit den ihm entsprechenden Bauformen zu dienen und so weit wie möglich gerecht zu werden, wird als die eigentliche Aufgabe und das Ziel von dieser Strömung des Organischen Bauens verfolgt.
Einen vergleichbaren Bezug von Inhalt und Form, wie er hier angestrebt wird finden wir sonst nur in den Prozessen und in dem Aufbau
der natürlichen Organismen. - Wir betrachten es als eine Selbstverständlichkeit, dass die Formen und Funktionen eines natürlichen Organismus im Ganzen und in allen ihren Teilen einen Zusammenhang bilden, in dem ein
spezifischer Inhalt und die dazugehörige äußere Gestalt eine vollständige Einheit bilden.
Gerade auf diese Weise wird in den Organismen ein Höchstmaß an Wirksamkeit des äußeren
Aufbaus für die inneren Prozesse erreicht. Gleichzeitig werden die inneren Vorgänge für jedermann im Äußeren erfahrbar zur
Erscheinung gebracht.
Den Zusammenhang der Architekturformen mit dem inneren Geschehen einer Einrichtung in entsprechender Weise zu suchen und
herzustellen ist das Ziel und fortwährende Bemühen der auf den Bauimpuls Rudolf Steiners gegründeten Richtung der Organischen Architektur.
Auch wenn die Bestrebungen auf diesem Gebiet noch nicht immer zu vollkommenen Ergebnissen führen, so bleibt doch das Bemühen um die
Gesetzmäßigkeiten des Organischen mit den daraus hervorgehenden Bauformen ein für alle Bereiche und alle Beteiligten fruchtbares und lohnendes Ziel.
Ulrich Schöne
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